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Soziale Arbeit in der Krise: Professionelle Standards können nicht eingehalten werden

Prof. Christina Buschle und Prof. Nikolaus Meyer haben Sozialarbeiter*innen per Onlineumfrage nach den Auswirkungen der Corona-Krise auf ihre tägliche Arbeit befragt. Die Ergebnisse zeigen: Professionelle Standards sind derzeit kaum einzuhalten.

Seit vergangenem März ist alles anders. Es ist ein Vierteljahr her, dass Ministerpräsident*innen und Bundesregierung den 'Lockdown' anordneten, gleichbedeutend mit dem Herunterfahren wesentlicher Teile des öffentlichen (und auch privaten) Lebens. Für die Soziale Arbeit bedeutete dies vom ersten Moment an ein Verharren im Unklaren. Denn auf der einen Seite wurden Beratungs- und Hilfsangebote von einem Tag auf den anderen geschlossen oder auf ein Minimum reduziert, während auf der anderen Seite die Sorge um akute 'Fälle' mitschwang, nicht nur, aber insbesondere im Bereich des Kindesschutzes.

Um den tatsächlichen Auswirkungen für die Profession Sozialer Arbeit genauer auf die Spur zu kommen, haben Christina Buschle (IUBH Internationale Hochschule Fernstudium) und Nikolaus Meyer (Hochschule Fulda) eine Onlinebefragung mit fast 1900 Sozialarbeiter*innen durchgeführt und sie nach ihren praktischen Erfahrungen in der Krise befragt. Die Teilnehmer*innen wurden per standardisiertem Fragebogen befragt, bei vier Fragen konnten sie offen antworten. Die Umfrage wurde ca. drei Wochen nach Beginn des 'Lockdowns' durchgeführt, zu einer Zeit also, als die gravierenden Maßnahmen (Kontaktbeschränkungen, Abstandsregelungen, Mund-Nasen-Schutz etc.) noch nicht gelockert worden waren (hier geht es zum vollständigen Artikel in der Zeitschrift Soziale Passagen).

Schutzausrüstung und Desinfektionsmittel häufig nicht vorhanden

Die meisten Teilnehmer*innen waren Sozialarbeiter*innen aus den Bereichen der Kinder- und Jugendbildung mit 35,1% der Befragten, den Hilfen zur Erziehung (13,9%) und der Sozialen Arbeit in Behörden (z.B. Allgemeiner Sozialer Dienst) mit 8%. Mit Blick auf die hygienischen Bedingungen, unter denen die Fachkräfte arbeiten mussten, fiel insbesondere auf, dass 61% der Befragten angaben, der geforderte Mindestabstand könne aufgrund der räumlichen Gegebenheiten nicht eingehalten werden. In mehr als 300 Fällen fehlten Desinfektionsmittel und in mehr als 500 Fällen konnte der Arbeitgeber keine Schutzausrüstung zur Verfügung stellen. Zustände, die angesichts der z.T. äußerst prekären Lebenslagen, in denen sich Klient*innen Sozialer Arbeit befinden, wohl nur als unzureichend und inakzeptabel bezeichnet werden können. 

Viele Hilfen frühzeitig beendet

Die größten Veränderungen im alltäglichen Handeln zeigten sich mit Blick auf die Art der Klient*innenkontakte. Aus Sicht der meisten Befragten war der persönliche Kontakt nicht mehr die 'normale' Form der Interaktion. Bestand die 'normale' Kontaktaufnahme vor der Pandemie in 35,5% der Fälle aus der Aufnahme eines persönlichen Gespräches, halbierte sich dieser Wert während der Beschränkungen. Diese veränderte Interaktionsform stellt aus Sicht der Sozialarbeiter*innen eine Verschlechterung professioneller Standards dar, zudem brächen Klient*innen durch die Kontaktbeschränkungen wichtige 'Struktur- und Stützelemente' weg. Bedenklich erscheint das Ergebnis, dass fast jede*r fünfte Befragte (18,6%) angab, dass Hilfen aufgrund der Pandemie früher beendet wurden als ursprünglich vorgesehen. Die Gründe hierfür mögen zwar überwiegend pragmatischer Natur sein, doch ist auch diese Zahl besorgniserregend, deutet sie doch darauf hin, dass in der Krise, in der die Sorgen und Nöte der meisten Menschen bekanntlich eher größer werden, weniger professionelle Soziale Arbeit geleistet wurde als in der Vorkrisenzeit.

Teilweise veränderte Aufträge für die Sozialarbeiter*innen

Ein besonderes Augenmerk legten Christina Buschle und Nikolaus Meyer auf die Auswertung der offenen Antworten der Sozialarbeiter*innen. Hierbei zeigten sich aus professionstheoretischer Sicht interessante, doch ebenfalls beunruhigende Erkenntnisse. So wurde darüber berichtet, dass einige Sozialarbeiter*innen als 'Corona-Polizei' eingesetzt wurden, um beispielsweise die Abstandsregelungen zu überwachen. Auch gewichteten Institutionen und Einrichtungen den Stellenwert der Einhaltung der Hygienemaßnahmen teilweise stärker als die Erfüllung des professionellen Auftrags. Buschle und Meyer sprechen vor diesem Hintergrund von "Veränderungen im antizipierten Mandat", die natürlich vor dem Hintergrund der allgemeinen Überforderung im Zuge der Krise einzuordnen sind, aber aus professionspolitischer Perspektive im Blick behalten werden sollten.

Auch bezüglich des altbekannten Themas der Wertschätzung zeigen sich keine besonders ermutigenden Ergebnisse. Anders als etwa Mitarbeiter*innen im Pflegebereich erfahren Sozialarbeiter*innen derzeit keine besondere Aufwertung des Ansehens ihres Berufsstands. Deutlich wird dies in der Frage der 'Systemrelevanz' und der hiermit verbundenen Möglichkeit der Not-Betreuung der eigenen Kinder: So konnten Sozialarbeiter*innen in einigen Bundesländern ihrer Arbeit nicht nachgehen, weil sie, anders als Angehörige anderer Berufe, ihre Kinder nicht in Betreuung geben durften.

Sebastian Hempel

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